Barrikaden

Ein Wort, das sofort ein beklemmendes Gefühl auslöst. Wenn eine von ihnen unseren Weg blockiert, kehren wir lieber um, als nach einer Alternative zu suchen, mit der wir sie überwinden können.

Und die meisten befinden sich in unseren Köpfen.

In Zeiten des Bodyshamings, des medialen Mobbings, des Be- und Verurteilens auf den ersten Blick, hat jeder wohl schon Erfahrung mit dem Gefühl gemacht, »abgestempelt« zu werden. Da geht es um »zu dick«, »zu dünn«, »zu blass«, »zu dunkelhäutig«, »zu klein«, »zu bunt«, »zu monoton«, »ich mag ihre/seine Stimme nicht« und um einhunderttausend Gründe mehr, den Gegenüber bloß nicht kennenzulernen.

Als ich vor einiger Zeit mit einer Bekannten schrieb, die schwer erkrankte, erzählte sie mir, dass ein Mann sie wegen ihres aufgequollenen Gesichts beleidigt hatte, nach dem Motto: »Nimm doch mal ab, fette Kuh.« Dass sie gerade viele Medikamente wegen dieser Erkrankung einnehmen musste und sowieso mit jedem Tag zu kämpfen hatte, konnte der Mann nicht wissen. Und genau darin liegt der entscheidende Punkt. Er konnte es nicht wissen.

Obwohl wir alle versuchen, uns so etwas nicht zu Herzen zu nehmen, treffen die Worte wie Nadelspitzen ins Herz. Der Mann hatte sich eine Barrikade aus der Überzeugung heraus gebaut, dass meine Freundin »fett« sei und schon hakte er es ab, einen Blick hinter die Kulissen zu werfen.

Das Einzige, das ich in diesem Moment dachte, war: »Schade, denn ihm entgeht ein wundervoller Mensch.« Ein Mensch, der lebensfroh, klug, humorvoll und charmant ist und immer ein offenes Ohr für die hat, die er liebt.

Wir können nicht in den Kopf des Anderen sehen. Wir wissen nicht, was derjenige erlebt hat, was in ihm vorgeht, womit er vielleicht zu kämpfen hat. Obwohl Vorurteile in jedem von uns schlummern, finde ich es wichtig, keine Barrikaden aus ihnen werden zu lassen. Denn sonst geht es uns möglicherweise wie diesem Mann: Wir verpassen die besten Begegnungen in unserem Leben.

Es ist erstaunlich, dass sich diese Geschichte auch auf die Bücherwelt übertragen lässt. Obwohl ich daran glaube, dass wir Teil einer Branche sind, die Augen und Herz stets offen hält, stoße ich immer wieder auf Beiträge oder Kommentare, die das Gegenteil beweisen.

Da wird ein Leser abgestempelt, weil er etwas Neues ausprobiert, oder sogar nur wegen des Genres, das er liest. Ebenso Autoren, denen das Gleiche beim Schreiben passiert.

»Der ist mir zu flach«, »der ist mir zu tiefgründig«, »das ist ohne Fantasie geschrieben«, »dieses Genre braucht eh keiner lesen«, »ohne Herzblut« und etliche Sätze mehr begegnen mir täglich in den sozialen Netzwerken.

Aktuell gibt es sogar in der Bookstagram-Welt eine Debatte darüber, ob Blogger Autoren “sein dürfen” oder nicht. Dabei sollte sich diese Frage gar nicht stellen.

Jeder darf das sein, das er sich wünscht, die Träume erfüllen, die ihn antreiben und, statt demjenigen genau das als Vorwurf zu machen, sollten wir es unterstützen. Warum sollte ein Blogger, der die Welt der Buchstaben liebt, nicht auch ein Autor sein? Oder ein Autor nicht über seine Gedanken bloggen dürfen, wie ich es gerade tue?

Bitte, lasst uns die Vereinbarung treffen, dass wir für alles offen und neugierig bleiben, dass wir mehr akzeptieren. Persönliche Vorlieben haben in den meisten Fällen nichts mit dem Herzblut zu tun, das ein Leser/Blogger/Autor/Verlag in sein(e) Projekt(e) steckt. Es ist lediglich unser subjektives Empfinden und das ist in Ordnung.

Wenn mir ein Buch nicht gefällt, dann ist es schade, aber ich weiß, dass es da draußen viele Menschen gibt, denen die Geschichte etwas bedeutet.

Austausch entsteht durch Vielfalt. Wir müssen lernen, Unterschiede und verschiedene Geschmäcker zu akzeptieren, andere Meinungen und uns selbst zu reflektieren und einfach Spaß an dem zu haben, das uns verbindet. Die Liebe zu Geschichten. Egal, ob zwischenmenschlich, oder auf bedrucktem Papier.

Barrikade ist letztendlich auch bloß ein Wort, das sich durchbrechen lässt.

Bis bald,

Eure Rune.

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